Es ist wieder so weit. Die ersten warmen Sonnenstrahlen durchdringen die kalte Erde, und der Winter gibt langsam nach. Mich, Sumpfgeist, treibt es wieder raus. Aus meinem Versteck im Laub, aus
der Dunkelheit, aus der Stille. Es ist ein Ruf, den ich nicht hören, sondern fühlen kann – ein Ruf, der mich zwingt, mich zu bewegen. Ein Ruf, der mir sagt: Es ist Zeit.
Der Frühling ist da, und mit ihm kommt das Leben zurück. Die Natur erwacht, langsam, aber unaufhaltsam. Die Bäume schlagen aus, die Vögel kehren zurück, und die Luft ist erfüllt von dem
Versprechen von neuem Wachstum. Auch ich bin ein Teil dieses Erwachens. Mein Körper spürt es, die Hormone, die mich antreiben, die Instinkte, die mich leiten. Es ist Zeit, den Laichplatz zu
erreichen. Zeit, den Kreislauf des Lebens fortzusetzen.
Mein Ziel ist das Regenrückhaltebecken, ein Ort, den die Menschen angelegt haben und der für uns Frösche zu einem sicheren Hafen geworden ist. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach. Ich muss die
Weidachgasse überqueren. Sie ist nicht breit oder stark befahren, aber dennoch gefährlich für uns Frösche. Zum Glück wird sie jeden Abend von netten Menschen gesperrt, so dass keine Autos fahren
können. Die Straße gehört uns, den Fröschen, und wir können sie sicher überqueren.
Ich spüre die Anspannung in der Luft, als ich mich mit meinen Artgenossen auf den Weg mache. Wir sind Tausende, ein pulsierender Strom von Leben, der sich langsam über die Weidachgasse bewegt.
Der kalte Asphalt unter meinen Füßen fühlt sich fremd an, aber ich gehe weiter, Schritt für Schritt, getrieben von einer Kraft, die stärker ist als alle Hindernisse.
Die Nacht ist still, nur das leise Quaken meiner Artgenossen und das Rascheln unserer Füße auf dem Asphalt sind zu hören. In der Ferne höre ich das sanfte Plätschern des Wassers, das mich lockt.
Ich spüre die Nähe des Regenrückhaltebeckens, unseres Zieles. Das Wasser glitzert im Mondlicht, und der Geruch von Algen und Schilf erfüllt die Luft. Hier werde ich meine Eier ablegen, Hunderte
von ihnen, eingebettet in gallertartige Schnüre, die sie schützen. Es ist ein Moment der Vollendung, ein Moment, der das Überleben unserer Art sichert. Ich spüre eine tiefe Erleichterung und
Freude, als ich die ersten Eier ablege. Die Eier, die ich lege, werden zu Kaulquappen, und diese wiederum zu jungen Kröten, die im nächsten Jahr denselben Weg antreten werden.
Es ist ein Kreislauf, ein ewiger Kreislauf, der mich jedes Jahr aufs Neue antreibt. Doch dieses Mal ist es anders. Dieses Mal spüre ich nicht nur den Drang, sondern auch die Hoffnung. Die
Hoffnung, dass das Leben weitergeht, dass die Natur sich immer wieder erneuert, egal wie hart der Winter war. Die Hoffnung, dass auch ich ein Teil davon bin, ein Teil von etwas Größerem.
Und so treibt es mich wieder raus, wie jedes Jahr. Nicht nur, weil ich muss, sondern weil ich will. Weil ich weiß, dass das Erwachen der Natur auch mein Erwachen ist. Weil ich weiß, dass der
Frühling nicht nur eine Jahreszeit ist, sondern ein Versprechen. Ein Versprechen, dass das Leben immer weitergeht. Und dank der netten Menschen, die uns den Weg sichern, und des
Regenrückhaltebeckens, das uns einen sicheren Ort zum Laichen bietet, kann ich dieses Versprechen weitergeben – an die nächste Generation, die im nächsten Frühling denselben Weg antreten
wird.
Es grüßt der Sumpfgeist